Was sind die philosophischen Ursprünge des Hitlerismus?

Immer wieder hört man in den Medien von einem politischen “Rechts-Ruck”.

Schaut man sich die Geschehnisse der letzten Monate an, wie zum Beispiel den “Remigrations”-Skandal der AfD oder den Sieg der französischen “Front-National” bei den französischen Parlamentswahlen, ist dies eindeutig zu erkennen. Jetzt, wo Rechtspopulismus gesellschaftsfähig geworden ist, gerät seine Verbindung zum Faschismus oder in Deutschland zum Hitlerismus des 20. Jahrhunderts immer weiter in Vergessenheit. Aber auf welchen philosophischen Ansichten basiert Hitlerismus eigentlich?

Um meine Analyse zu stützen, werde ich von dem Text „Einige Beobachtungen zur Philosophie des Hitlerismus”, erschienen 1934 und geschrieben von dem litauischen Philosophen Emmanuel Levinas, ausgehen. Hierbei ist jedoch wichtig anzumerken, dass Levinas als Jude auch einer der Verfolgten des Holocaust war. Im späteren Verlauf des II. Weltkriegs wurde ein Großteil seiner Familie in Litauen von den Nazis ermordet.

Levinas führt die Philosophie des Hitlerismus auf die Beziehung zwischen „Seele“ (also dem Geist und den Gedanken) und dem “Körper” (also dem Physischen wie Schmerz, Aussehen), welche in der deutschen Kultur vorherrscht, zurück. Für ihn hat die Art, auf welche sich eine Kultur mit dieser Beziehung auseinandersetzt, Auswirkungen auf die in dem Land vorherrschende Mentalität der Gesellschaft und daher auf die Philosophie, da diese ein Produkt der Gesellschaft ist. 

Laut Levinas besitzen Deutsche eine außergewöhnliche Auseinandersetzung mit dem Thema, da sie (im Gegensatz zu anderen Kulturen, wie die der Franzosen oder der Italiener) den Körper und den Geist, also das Psychische und das Physische, nicht als getrennt ansehen. In anderen Worten, das Geistige hat Auswirkungen auf unser Körperliches und andersherum. Für Levinas ist es genau diese Idee, die den Hitlerismus ausmacht. Im II. Weltkrieg radikalisierten die Nazis dieses Konzept mehr denn je zuvor, woraus später die “Rassentheorie” entstand. Die Ideen der „Rassentheorie“ sind zwar, zugegebenermaßen, zu der damaligen Zeit nichts Neues, sie waren auch schon vorher (zum Beispiel bei Arthur de Gobin oder Alfred Ploetz) vorhanden, aber durch diese besondere Beziehung zwischen Körper und Seele, welche die Deutschen haben, fand diese Theorie damals besonders starken Anklang.

Hinzu kommt, was Levinas als ”Nietzsches Willen zur Macht”,  also den Übermenschen, beschreibt, welchen sich die Nazis angeeignet hatten. Diese kreierten neben dem Begriff des Übermenschen noch den Begriff des Untermenschen, der auf den SS-Offizier Heinrich Himmler zurückzuführen ist. Jedoch haben beide Konzepte der Nazis nichts mit dem Konzept des Übermenschen bei Friedrich Nietzsche zu tun. Sie sind eine reine Fehlinterpretation von Nietzsches Konzept, weshalb dieser sie auch konsequent ablehnt.

Für Nietzsche ist der Übermensch der ideale Mensch, also ein starker, stabiler Mensch, der zum Herrschen vorbestimmt ist. Somit ist Nietzsches Übermensch jemand, der der “Herdenmentalität” und dessen Moral entflieht, also moralisch autonom ist und seine eigenen Ziele erfüllt. Nietzsches Übermensch ist also ein erstrebenswertes Ideal und keine „Menschenrasse“. Darüber hinaus gibt es bei Nietzsche den Begriff des Untermenschen nicht. Im Gegensatz dazu ist der Übermensch der Nazis vielmehr eine ethnische Gruppe von Menschen (die Arier), also eine Gruppe, welche sich durch ihre körperlichen Aspekte definieren lässt.

Dies wiederum ist nach Nietzsches Definition des Übermenschen eine klare Fehlinterpretation, da hier der körperliche Aspekt betrachtet wird und nicht das geistige Ideal, welches der Übermensch verkörpert. Diese Fehlinterpretation kommt durch diese extreme Version von körperlicher Auswirkung auf das Physische zustande, welche von den Nazis angewandt wurde, was hier nachweislich falsch ist. 

Darüber hinaus ist eine vom Hitlerismus geprägte Gesellschaft nicht nur ungleich durch ihre Beziehung zu den einzelnen Teilen dieser Gesellschaft, sondern auch durch ihre Beziehung zur Wahrheit. Prinzipiell ist die Wahrheit Levinas frei von Ideologie, also unparteiisch und hat keinen Charakter, wodurch sie auch gerecht ist, da sie zu jedem die gleiche Beziehung hat. Jedoch unterstellt der Hitlerismus die Wahrheit dem Dogma, also der Ideologie, was bedeutet, dass sie nur die Wahrheit als richtig akzeptiert, wenn sie in ihr Weltbild passt und zu ihren Gunsten ausfällt. Man könnte dies auch als ‘Rosinenpicken’ bezeichnen. Durch dieses wahrheitsbestimmte Dogma verliert die hitleristische Wahrheit nicht nur an Anonymität, da sie jetzt einen klaren Charakter besitzt und an Wert durch die Ideologie gewinnt. Sie ist dadurch aber auch ungerecht und kreiert in Folgen Ungleichheit. Die Anwendung einer Ideologie auf die Wahrheit hat als Auswirkung das Entstehen zweier Klassen von Hitleristen, die die Ideologie bestimmen und definieren, also die “Meister”, und die, die der Ideologie gehorchen und sie anwenden, also die “Sklaven”. Das nimmt den „Sklaven“ nicht die Schuld, doch selbst wenn eine unmoralische Aktion von dem System normalisiert wird, heißt es noch lange nicht, dass diese auch legitim ist.

Dadurch, dass die Wahrheit von den “Meistern” bestimmt wird, denken die “Sklaven” nicht mehr kritisch, da sie Vertrauen in ihren “Meister” haben und alles tun, was die Ideologie für nötig hält. Somit ketten sich die “Sklaven” selbst an, da sie an die Wahrheit der “Meister” glauben. Hierdurch ist selbst die histleristische Gesellschaft der “Übermenschen“ von Ungleichheit geprägt.

Alles im allem ist also festzustellen, dass die Philosophie des Hitlerismus unter anderem auf eine radikale Interpretation der bereits vorherrschenden Ansicht von Seele und Körper in der deutschen Gesellschaft (woraus mit dem Sozialdarwinismus die “Rassentheorie” entstand) und auf eine Fehlinterpretation von Nietzsches Übermenschen als eine ethnische Gruppe von Menschen zurückgeht.

A.Beranger

Beitragsbild: https://commons.m.wikimedia.org/wiki/File:INF3-324_Unity_of_Strength_Together_we_shall_strangle_Hitlerism.jpg

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