Polizeipräsidium Dessau und die ungeklärten Akten

Leser-Hinweis: Dieser Artikel behandelt Themen wie Rassismus, Gewalt und Tod. Das Lesen des Artikels, sowie das Öffnen der Quellen erfolgt daher auf eigene Verantwortung.

Wolfgangstraße 25, 06844 Dessau-Roßlau

Das große, hellgelbe Gebäude mit den vielen Fenstern fällt einem schnell ins Auge. Es wirkt alles sehr einladend und offen, ein Ort, an den man sich wenden können sollte, wenn man Probleme hat oder Opfer eines Verbrechens wird.

Wirft man nun jedoch einen Blick ins Netz, sieht man unzählige negative, kritisierende oder sarkastische Kommentare in den Bewertungen des Polizeipräsidiums.

Aber woher kommen diese?

Man könnte nun die Vermutung anstellen, dass dies nur an dem, so oder so schon, zunehmenden Hass gegenüber der Polizei und seinen Beamten liegt und die Leute in und um Dessau herum eben besonders extrem in dieser Hinsicht sind. Schaut man jedoch weiter, wird schnell klar, dass dieses Polizeipräsidium sich nicht nur in der Umgebung einen schlechten Namen gemacht hat, sondern deutschlandweit. 

“Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau”

So titelte der WDR seinen Artikel zu ihrem entsprechenden Podcast über den Tod von Oury Jalloh. Doch was steckt hinter diesem Titel und wer sind „Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau“? [Q1]

Fangen wir chronologisch an:

Dezember 1997, mitten in der Nacht vom 6. auf den 7. Dezember, greifen Polizisten den Maschinenbauingenieur Hans-Jürgen Rose auf. Er wurde aufgrund von Fahren unter Alkoholeinfluss festgenommen und auf das Polizeipräsidium Dessau gebracht. 

Von dort wurde er um etwa 3:35 Uhr in der Früh wieder entlassen und um kurz nach fünf Uhr schwer verletzt auf einem Gehsteig in der Nähe gefunden. Er starb später aufgrund seiner Verletzungen im Krankenhaus. 

Dieser Fall gilt bis heute als ungelöst und die Ermittlungen wurden bereits im Jahr 2002 als eingestellt erklärt.

Der Mediziner Claus Metz stellte, anhand der Verletzungsmuster, die These auf, Rose könnte gefesselt und mit Schlagstöcken und Gürteln geschlagen worden sein. So geht auch aus dem gerichtsmedizinischen Gutachten hervor, dass es sich um schwere Körperverletzung durch einen Dritten handeln muss, die mit einem Sturz aus großer Höhe, sowie Verletzungen mit Stöcken oder stockartigen Werkzeugen, verbunden war.

Auch der jahrelang zuständige Dessauer Oberstaatsanwalt Folker Bittmann verbindet diesen und weitere Fälle mit dem umstrittenen Tod von Oury Jalloh und geht von Tötungsdelikt(en) „seitens garantenpflichtiger Polizeibeamter“ aus.  Laut offiziellen Angaben des “Ministerium für Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt” liegen keine polizeilichen Erkenntnisse mehr vor, weder schriftlich noch digital. [Q2,Q3,Q4]

Das heißt für den Fall von Hans-Jürgen Rose, dass es eine schwere Körperverletzung durch einen Dritten gab, welche nie vollständig geklärt wurde, jedoch gibt es auch mehrere Personen, die an der Aufklärung von diesem Fall mitgewirkt haben, welche Mitglieder der Dessauer Polizei für die Verantwortlichen halten. [Q5]

Der Fall bleibt ungelöst.

2002: der Obdachlose Mario Bichtemann wird alkoholisiert von der Polizei aufgegriffen und auf das Polizeipräsidium Dessau gebracht. Man sperrt ihn dort in Zelle 5. Einige Zeit später finden Beamte ihn dort tot auf, er hat einen Schädelbasisbruch erlitten. Auch dieser Fall wurde nie abschließend geklärt und keiner der Beteiligten wurde für irgendein Fehlverhalten belangt. 

Der Fall bleibt ungelöst. [Q6]

Am Morgen des 7. Januar 2005 greifen Polizisten den in Deutschland geduldeten Asylbewerber Oury Jalloh auf. Auch dieser soll zu dem Zeitpunkt unter Alkoholeinfluss gestanden haben. Er soll, laut Aussagen der arbeitenden Polizisten, nicht mit diesen kooperiert haben. Oury Jalloh wird auf die Polizeistation Dessau gebracht, wo er dem Arzt der Station vorgestellt wird, welcher einen Alkoholgehalt von etwa 3 Promille festgestellt haben will.

Oury Jalloh wird in Zelle 5 gebracht und dort mit Händen und Füßen am Boden fixiert, unter ihm eine feuerfeste Matratze. Die Zelle 5 verfügt über Audioüberwachung, eigentlich gedacht, um die Sicherheit der Insassen zu garantieren.

An diesem Abend befinden sich mehrere Beamte auf der Station.

Augenzeugenberichte sagen aus, dass sowohl der Stationsarzt, als auch andere Beamte im Laufe des Abends in der Zelle Jallohs waren, welche also für diese Zeit kein Alibi haben, da sich nicht sagen lässt, wie oft oder lange besagte Beamte in der Zelle waren.

Irgendwann in der besagten Nacht geht der Feuermelder der Zelle 5 an, welcher von den Beamten zwar zur Kenntnis genommen, aber ignoriert wird, da man von einem Fehlalarm ausgeht. Keiner der Polizisten geht nachschauen. Nur unmittelbar später geht der Feueralarm der Zelle erneut an. Oury Jalloh soll sich um diese Zeit herum über eine Gegensprechanlage bei den Polizisten gemeldet und nach Hilfe gefragt haben, doch wurde auch dieser Vorfall von den Polizisten als nicht so bedeutend abgetan. 

Als schließlich ein konstantes Knistern und Rauschen über die Gegensprechanlage zu hören ist, beschließen die Polizisten, dass sie in der Zelle nach dem Rechten sehen wollen. Als sie die Zellentür öffnen, schlägt ihnen eine dichte Rauchwolke entgegen.

Oury Jalloh liegt verbrannt in der Zelle, es kann nur noch sein Tod festgestellt werden. Die Polizisten werden später aussagen, dass sich Jalloh selbst angezündet haben soll, indem er das Innere seiner Matratze in Brand gesetzt habe.

In den Ermittlungen kommen schon bald erste Zweifel an den Aussagen der Polizisten, bezüglich des Ablaufs des Abends, auf.

Stimmen werden lauter, die Oury Jallohs Tod als Mord betiteln und immer mehr Menschen fordern eine genauere Untersuchung des Falles, sowie eine Beendigung des Beamtenverhältnisses für die Polizisten, die in dieses Fall verwickelt waren. [Q8]

Im März 2007 begann das Gerichtsverfahren gegen den Dienstgruppenleiter, aufgrund von Körperverletzung mit Todesfolge, sowie gegen seine Kollegen, aufgrund von fahrlässiger Tötung. Die Staatsanwaltschaft ging zu diesem Zeitpunkt davon aus, dass Jalloh das Feuer zwar selbst entfacht habe, sein Tod aber dennoch verhinderbar gewesen wäre, wenn die Polizei rechtzeitig eingegriffen hätte. [Q7]

Das Verfahren wurde bereits im Jahr 2008 wieder eingestellt und alle Angeklagten aus formalen Gründen freigesprochen. Auf Revision hin wurde der Fall im Jahr 2012 wieder aufgenommen und der Dienstgruppenleiter zu einer Geldstrafe verurteilt.

Weitere und genauere Untersuchungen des Falles zeigten, dass Jalloh starke Verletzungen, beispielsweise mehrere Knochenbrüche, aufwies, welche er vor seinem Tod erlitten haben musste. Somit lag die Vermutung (welche bis heute besteht) von polizeilicher Gewalt nahe und die bereits im Raum stehenden Vorwürfe von Fremdeinwirkung wurden maßgeblich bestärkt. Weiter gab es in den letzten zwei Jahrzehnten mehrere Untersuchungen des Brandgeschehens.

Die bis dato ausführlichste Untersuchung basiert auf den Vermutungen des britischen Brandsachverständigen Iain Peck. In dieser Untersuchung wurde die Zelle 5 genau nachgebaut und mehrere Tests durchgeführt.

Zuerst wurde eine Person mit einem ähnlichen Körperbau wie Oury Jalloh am Boden der nachgebauten Zelle fixiert, wodurch festgestellt werden konnte, dass es Jalloh physisch unmöglich gewesen wäre, sich anzuzünden. Im Anschluss wurde ein Dummy aus Schweinefleisch und Schweinehaut in Brand gesetzt, um festzustellen, ob die Brandspuren an den Wänden den der originalen Zelle entsprachen.

Dabei konnte festgestellt werden, dass man den Dummy erst mit etwa 2,5 Litern Benzin übergießen musste, um ähnliche Ergebnisse zu erzielen. Dadurch wurde der Verdacht des Mordes erneut erhärtet. Auch gab es mehrere Untersuchungen von unabhängigen Privatermittlern und Sachverständigen im Bereich Chemie, Medizin und Brandschutz, welche alle ähnliche Ergebnisse erzielten und die Arbeit der Polizei sowie den zuständigen Behörden stark kritisieren. [Q7]

Trotz intensiver Ermittlungen bleibt der Fall ungelöst.

Das Fazit

Keiner der genannten Fälle konnte je abschließend geklärt werden und bis heute kommen immer wieder starke Vorwürfe gegen die Polizei und Behörden auf. Jedes Jahr protestieren und gedenken viele Menschen den Verstorbenen von Polizeigewalt, wobei Oury Jalloh hier als maßgebliches Beispiel angeführt wird.

Ob jemals jemand für diese Taten in Verantwortung gezogen werden wird, ist unklar, was jedoch bleibt, sind die Vorwürfe den Betroffenen und das Verlangen nach härteren Konsequenzen für in Verbrechen verwickelte, Beamte.

Quellen:

Q1

https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/tiefenblick/polizei-dessau-oury-jalloh-deutsch-100.html 

Q2

https://taz.de/Tote-im-Dessauer-Polizeigewahrsam/!5483843

Q3

https://www.fr.de/politik/vertuschungsmord-durch-polizisten-11002367.html

Q4

https://www.ouryjallohcommission.com/claus-metz-deu

Q5

https://initiativeouryjalloh.files.wordpress.com/2018/10/rose-18-06-1998-rechtsmedizin-hans-jc3bcrgen-rose-zusammenfassung.pdf (Original-artikel der Initiative bzgl. des Falles “Hans-Jürgen Rose” enthält grafisches Material, welches verstörend wirken kann. Suchen des Original-artikels daher ausschließlich auf eigene Verantwortung.)

Q6

https://jurios.de/2023/05/25/das-rassistischste-polizeirevier-deutschlands/

Q7

https://www.tagesschau.de/inland/tod-jalloh-gutachten-101.html

Q8

https://www.youtube.com/watch?v=7WZ4ZpwuDQw (Zweiteilige Dokumentation von Simplicissimus zu dem Fall “Oury Jalloh”)

Beitragsbild: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b9/Dessau-Ro%C3%9Flau%2CPolizeipr%C3%A4sidium.jpg

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