Auto statt ÖPNV? Aber die Nachhaltigkeit!

Auto fahren statt Zug nehmen? Ist das heute überhaupt noch moralisch vertretbar?
Ich gehe seit einigen Jahren auf das Gymnasium Saarburg und muss somit jeden Morgen irgendwie dorthin gelangen. Aber wie?
In der fünften Klasse war diese Antwort einfach: Zum Bahnhof laufen, Zug nehmen, Bus nehmen, fertig. Dann kam ich in die Oberstufe, mein Ticket wird nicht mehr bezahlt. Aber gut, meine Eltern können mich schlecht jeden Tag fahren. Also bleibt’s bei der ersten Antwort.
Doch dann werde ich 18. Ich kann mich jetzt selber in die Schule fahren. Aber ich möchte doch nachhaltig sein, oder? Und überhaupt bin ich doch begeistert von der Idee einer Welt ohne Autos, in der man überall hinkommen kann, ohne mit dem Auto fahren zu müssen.
Und doch überwiegen für mich die Vorteile meines Fiestas.


Erstens: Ich kann dann in die Schule kommen, wenn ich muss, nicht dann, wenn der Zug fährt. Besonders in der Oberstufe ist dieser Punkt sehr wichtig für mich. Wenn die Schule für mich erst um 11:25 Uhr beginnt, muss ich wirklich schon um 10:25 in Saarburg sein? Dann muss ich um 10 Uhr zum Bahnhof gehen. Anderthalb Stunden für diese ganzen 6 km?
Fahre ich mit dem Auto, kann ich eine ganze Stunde später losfahren, nämlich um 11 Uhr, und da habe ich noch ungefähr 8 Minuten Puffer.
Außerdem kann ich in Freistunden, die mitten in meinem Schultag liegen, nach Hause fahren.
Donnerstags von 12:10 Uhr bis 14:40 Uhr frei. Mit dem Zug um 12:30 wäre ich dann ungefähr um 13 Uhr zuhause und müsste eine Viertelstunde später den Zug zurück nach Saarburg nehmen, da ich mit dem Zug von 14:18 Uhr erst um 14:25 Uhr in Saarburg bin, dann noch 15 Minuten Fußweg zur Schule… Das wird knapp.
Ich hätte also sage und schreibe 10 Minuten zuhause. Das ist es nicht wert.
Mit dem Auto bin ich ungefähr um 12:30 Uhr zuhause und muss erst um 14:20 wieder fahren.
Das sind fast zwei Stunden, also über anderthalb Stunden Unterschied.
Endet mein Tag einmal früher als geplant, kann ich sofort nach Hause fahren und muss nicht bis Ende des Schultages bleiben, da die Züge so unpassend kommen.


Zweitens: Die Verspätungen.
Regen? Zug hat Verspätung. Nebel? Zug hat Verspätung. Ein anderer Zug fährt irgendwo anders und hat dort Verspätung? Zug hat Verspätung. Zu hell? Zu dunkel? In China fällt ein Sack Reis um? Zug fällt aus.
Mittlerweile sind die Verspätungen der DB allgemein bekannt. Der Satz ‘Sorry, Herr/Frau X, mein Zug kam nicht/zu spät.’ wird von jedem Lehrer kommentarlos akzeptiert.
Klassenarbeit in der ersten Stunde? Puuh. ‘Mama, kannst du mich fahren?’ Und wenn man nicht gefahren werden kann, dann muss man beten, dass der Zug (pünktlich) kommt. Denn, wenn der Zug 20 Minuten zu spät ist, kommt natürlich auch kein Bus mehr. Warum auch. Dann noch 15 Minuten durch die Saarburger Innenstadt laufen. Besonders im Winter sehr angenehm.
Also: Klassenarbeit in der ersten Stunde? Man wird zwangsläufig gefahren. Hat man jetzt noch Geschwister an der Schule, die an anderen Tagen Klassenarbeiten schreiben, müssen die Eltern recht oft herhalten.
Natürlich gibt es die schöne App ‘DB Navigator’, die einem jegliche Verspätung jeglicher Züge angibt, allerdings oft erst nachdem man am Bahnhof steht und der Zug seit zehn Minuten angekommen und abgefahren sein soll.
Auch die hilfreichen Anzeigetafeln behaupten häufig, dass der Zug ‘nur fünf Minuten Verspätung‘ hat, es täte ihnen sehr leid. Dann zehn Minuten. Dann 15. 20. 25. Also eigentlich fällt er aus. Besonders im Winter ist man froh über solch akkurate Informationen.
‘Papa, kannst du mich fahren? Der Zug fällt aus.’
Was, wenn die Eltern einen nicht fahren können? Hoffen, dass man von einem Freund mitgenommen werden kann oder auf den nächsten Zug warten. Wenn dieser dann auch nicht kommt, geht man halb erfroren wieder nach Hause und erfreut sich an einem schulfreien Tag.
Nach meiner Erfahrung wird man mindestens fünfmal im Monat gefahren.


Drittens: Die Vernetzung. Ich habe das Glück, in einem Ort mit Bahnhof zu wohnen. Lebt man etwas weiter entfernt in einem Dorf ohne Zugverbindung, muss man den Bus nehmen. Busse fallen fast genauso oft aus wie Züge und haben sogar noch schlechtere Abfahrtszeiten als diese.
Ist man auf den Bus angewiesen, lohnt sich ein eigenes Auto sehr. Man kann das Dorf verlassen, wenn man möchte, man muss nicht drei Stunden in der Schule sitzen, wenn man schon längst hätte zuhause sein können.


Viertens: Die Kosten. Muss man in der Mittelstufe mal gefahren werden, naja, man muss ja wenigstens nicht das Zugticket bezahlen. Die Kosten für die extra Autofahrten sind also separat, ein kleiner Preis für die Pünktlichkeit.
In der Oberstufe ändert sich das. Die Zugtickets müssen selbst bezahlt werden. Für mich bedeutet das um die 60€ (pro Monat!) für insgesamt 14 Minuten Zugfahrt am Tag. Und das nur zwischen meinem Wohnort und Saarburg, denn woanders darf man mit diesem Ticket nicht hinfahren.
Durch das 49€-Ticket wurde es etwas billiger und man konnte auch mal nach Trier fahren, ohne insgesamt fast 13€ allein für die Zugfahrten zu lassen.

Klingt ja gar nicht so teuer, oder? Stimmt, allerdings kommen auf diese 49€ (bzw. 60€) natürlich noch die Spritkosten der Tage, an denen man von den Eltern gefahren werden muss, drauf. Also doch mehr als 49€ (bzw. 60€).
Ich bezahle für einen vollen Tank ungefähr 55€. Dieser Tank hält ungefähr drei bis vier Wochen, wenn keine längeren Fahrten gemacht werden. Das ist zwar im ersten Moment mehr als 49€ für einen Monat, aber rechnet man die Fahrten, die zusätzlich zum Zugticket getätigt werden, dazu, so ist das Autofahren tatsächlich billiger. Außerdem wird das 49€-Ticket bald das 58€-Ticket sein, also derselbe Preis wie das Schülermonatsticket und somit teurer als ein voller Tank.

Fährt man jedoch mit dem Auto, kann man Geschwister oder Freunde mitnehmen, die normalerweise auch ihr eigenes Ticket bezahlen müssten.

Autofahren ist für mich persönlich also einfach praktischer, als den Zug zu nehmen. Ich muss nicht anderthalb Stunden früher aufstehen, nur weil der Zug so unpassend kommt, sondern bin flexibel und kann so fahren, wie es für mich passt. Ich muss mich nicht jeden Tag fragen, ob ich heute wohl pünktlich komme, den Bus kriege, oder doch einen impromptu Morgenspaziergang unternehmen werde. Ich muss weniger bezahlen, als wenn ich den Zug nehmen würde.

Aber die Nachhaltigkeit!!

Autofahren ist umweltschädlich. Ich würde liebend gerne mit dem Zug fahren.
Und sollte es mir irgendwann möglich sein, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit/Schule zu gelangen, werde ich sie nutzen.
Im Moment ist der Zug allerdings unfassbar unpraktisch für mich und ich werde das verbleibende halbe Jahr weiterhin mit meinem treuen Fiesta in die Schule fahren.

Beitragsbild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:200E_busz_(RVY-715).jpg

Kommentare

One response to “Auto statt ÖPNV? Aber die Nachhaltigkeit!”

  1. Avatar von
    Anonym

    Wow! Das ist wirklich eine sehr schwierige Angelegenheit! Und es geht wirklich sehr vielen genauso! Es ist bei dem Thema wirklich schwierig die richtige Entscheidung zu treffen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert