Der Künstler

Alleine die Tatsache, Künstler zu sein, bringt Verdammnis. Aber wie soll man keiner sein? Was soll man tun, wenn all diese Bilder einem im Kopf herumtanzen wie ein brummendes Bienennest? Man kann sie kaum niederschlagen, denn sie kehren noch gewaltsamer zurück. Und wenn man sie einmal einlädt, entkommt man ihnen nie wieder. Ein Hauch, ein Tropfen des Vorgeschmacks macht abhängig, macht obsessiv. Der Künstler zerstört, um zu erschaffen, um aus Fragmenten des Lebens – ein Wort, ein Blick, ein besonderer Moment – ein neues Leben zu erschaffen.

Was? Es ist doch nichts Simpleres als das. Und doch nichts Komplexeres als das. Weil es diese Stücke eines zerbrochenen Spiegels sind, die zusammengesetzt werden zu einem gläsernen Saal, sehen wir uns alle darin wieder. So viele Scherben. So viele Tränen. So viel Reue. So viel Glück.

Nichts berührt den Menschen mehr als die Kunst. Sie ist, was er am meisten mit sich selbst verbindet, aber nicht bereit ist, zu schätzen. Kunst kann jeden retten, der nur lernt, seine Augen auf Dinge zu richten, vor denen er sich am meisten fürchtet. Nur den Künstler kann niemand retten. Er zerstört sich selbst, indem er schafft, denn in jedes Werk bettet er eine Scherbe seines Herzens. Diese Stücke sind endlich. Irgendwann wird der Künstler sein Herz, sein gesamtes Sein für die Kunst geopfert haben und seine Seele an Fremde verkaufen wie der Fromme das Leben an den Teufel.

Dann wird er ein leeres Gefäß sein. Leere Augen, leere Hände, leerer Kopf. Er wird vergessen, warum er sich der Kunst widmete, warum er dazu bereit war, sein gesamtes Wesen zur Schau und zum Verkauf zu stellen. Der Grund war … ja, was war der Grund? Dass er es einfach aus einer schicksalshaften Verstrickung tat? Oder hat er versucht, sich selbst zu finden?

Der Künstler weiß es nicht. Und weil er es nicht mehr weiß, muss er weitermachen. Er muss anfangen, Werke zu schaffen, die sein Herz zu einem Ganzen machen, zu einem Spiegel, mit dem er sich selbst wieder sehen kann. Er muss zusammensetzen, was nie ganz war, muss finden, was nicht gefunden werden kann.

Das ist die Bestimmung des Künstlers.

Beitragsbild: http://e00-elmundo.uecdn.es/assets/multimedia/imagenes/2017/03/16/14896942687826.jpg

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