Gottes Paradies

Disclaimer: TW Gewalt/Trauma; Diese Geschichte verherrlicht in keinster Weise (Kriegs-)Gewalt. Der Entwurf wurde vor mehreren Jahren geschrieben und besitzt somit keinen Zusammenhang zu aktuellen, wahren Geschehnissen.

Was war es wohl, das ihr in diesem Moment durch den Kopf ging? Was dachte sie sich dabei, heimlich seinen Dolch zu stehlen und sich auf seinen Rumpf zu setzen, während er schlief? Nichts. Sie fühlte nur.

Sobald er spürte, dass etwas nicht stimmte, wachte er auf. Das Erste, was er sah, waren ihre saphirblauen Augen. Meere. Sie erinnerten ihn an die Meere, zu denen er einst reisen wollte. Doch das war Luxus. Daran durfte er nicht denken. Erst, als seine Schläfrigkeit vollständig einer hohen Alarmbereitschaft gewichen war, erkannte er, was ihre Augen wirklich waren – ein wütendes Inferno. Ihre gesamte Gestalt waberte vor Blutdurst, zitterte unter dem unbändigen Hass, der sie in diesem Moment wie ein rachsüchtiger Geist besaß.

Er kannte diesen Blick nur zu gut. Es war der Blick eines Jemanden, der alles verloren hatte und einsam auf dieser höllischen Erde herumirrte. Der Blick eines Untoten und Unlebendigen zugleich.

Hatte er Angst vor ihr? Ihr, einem Kind, das ihm einen Dolch an die Kehle hielt und ihm jederzeit den Garaus machen konnte? Sein nachdenklicher Blick fiel auf die glänzend polierte Klinge. Es war ein pures Ratespiel, wie viele Menschen diesem scharfen Stahl bereits zum Opfer gefallen waren.

Nein, er hatte keine Angst. In jüngeren Jahren hatte er oft Messerkämpfe mit Soldaten ausgetragen, die ihn sowohl in Alter als auch an Erfahrung überragt hatten. Und siehe da, er war mit dem Leben davongekommen, heil und ganz, zog seitdem eine unsichtbare Spur aus schwarzem, dickem Blut hinter sich her.

Gott, hatte er damals gebetet. Gott, steh mir bei.

Oh ja, es war töricht. Er hatte tatsächlich geglaubt, dass Gott diese Welt als sein perfektes Reich erschaffen hatte. Dass durch ihn jedes Unrecht legitimiert werden, jedes Leid gerechtfertigt werden konnte.

Er sah das Mädchen an, und sie starrte ihn mit tausend Nagelstichen nieder. Seine Leute hatten ihre Eltern erschossen, wie Zielscheiben, die eigens für eine Militärübung zur Verfügung gestellt worden waren. Er war dabei gewesen, hatte gerade einem Soldaten auf dem Feld den Arm abgetrennt, weil es unmöglich war, ihn noch zum Lager zu transportieren.

Es waren zwei saubere Schüsse gewesen, so sauber, dass er Gänsehaut bekommen hatte. Dann der schrille Schrei des Kindes, das gerade in dem Moment, als der Donner über das Feld rollte, die Luft mit Terror erfüllte.

Wahrscheinlich war sie glücklich gewesen, als ihre Eltern noch gelebt hatten. Sehr glücklich sogar.

Und das war die Welt, in der sie beide lebten? Einer, in der jeder das Glück des anderen stahl?

Er war sich wie der hirnloseste Mensch der Welt vorgekommen, als er es realisiert hatte. Wie konnte er es nicht früher gewusst haben? Eine Welt, in der Glück ausgelöscht wurde wie lästige Insektenschwärme, perfekt?

Nein. Nicht nach dem Menschen. Nicht nach Gott. Nicht nach irgendjemandem, der so einen wahnhaften, perversen Schwachsinn auf die Beine gestellt hatte. Es war schlicht und einfach falsch.

Oh, wohin hatte er sich nur verlaufen? In ein Feld voller Minen, in welchem jeder Schritt ein Bein oder sein ganzes Leben kosten könnte.

Das Mädchen keuchte und biss die Zähne zusammen, bis ihr der Dolch entglitt, mit einem feinen, spitzen Klingeln auf der Erde aufschlug. Sie kauerte sich auf seiner Brust zusammen und weinte bitterlich. Letzten Endes war sie doch nicht dazu in der Lage gewesen, ihn eigenhändig zu töten.

Er wollte sie in seine Arme nehmen, sie fest an sein Herz drücken und ihr durch die seidenen Haare streichen, wie ihr Vater es getan hätte, doch er ahnte, dass er in Flammen aufgehen würde, sobald er sie berührte.

Er sah auf seine Hände. Schwarzes Blut, zäh wie Honig, tropfte auf den Boden und bildete eine Lache, die ihn in die Tiefe zog. Er sah wieder das Mädchen an. Sein inneres Auge zeigte ihm die Zukunft, die sie hätte haben können. Sie wäre groß geworden, hübsch geworden, mit den Engeln an ihrer Seite, die ihre Flügel über sie ausgebreitet hätten.

Doch nun hatte sie keine Zukunft mehr. Weil er sie ihr gestohlen hatte. Sie waren beide verwüstet, brennende Wälder, die durch nichts und niemanden mehr gelöscht werden konnten.

Ohne den Blick von ihr abzuwenden, griff er in die Schublade und zog seinen alten Revolver hervor.

Klick.

Er sah sich selbst in ihren Augen, die doch mehr leuchteten, als alle, die er jemals gesehen hatte. Sie spiegelten das schreckliche Gesicht eines Unmenschen wider, der zwischen Leben und Tod stand.

Beitragsbild: https://artinwords.de/bosch-garten-der-lueste-versuchung-des-hl-antonius/hieronymus-bosch-visionen-des-jenseits-hoelle-venedig/

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